Namibia-Blog
Neuigkeiten aus Namibia

The Namibian (1) — Erinnerungen aus Namibia

Posted in praktikum  by carolin on March 25th, 2009

Auf den Tag genau vier Jahre ist es her, dass ich meinen ersten Bericht verfasst habe. Im März 2005 begab ich mich auf mein erstes Namibia-Abenteuer. Es hatte viel zu lange gedauert, bis ich diesen meinen Traum endlich verwirklichen konnte.

Wer wissen möchte, was ich letztendlich dort alles gemacht und erfahren habe, muss sich ein wenig gedulden und immer brav die Namibia-News lesen._

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Hallo aus dem fernen Suedwest…

Ab heute gibt es wieder in den schoensten, unregelmaessigsten Abstaenden meine (Reise-) Erlebnisse. Da mich hin und wieder das Fernweh und die Neugierde auf fremde Kulturen packt, habe ich dieses mal versucht, endlich meinen Traum von Namibia wahrzumachen. Scheinbar hat es geklappt. Ich sitze im sommerlich warmen Keetmanshoop, einer Provinzstadt im Sueden des Landes und erfahre mal wieder Fremdes, Gewohntes, aber auch Eigenartiges, an dem ich euch gerne teilhaben lasse.

Am Mittwochmorgen, 16. Maerz, landete ich mit einer ganzen Menge anderer Deutscher auf dem Internationalen Flughafen, 45 km oestlich von Windhuk. Fuer die dort vorherrschenden Klimaverhaeltnisse war ich eindeutig zu warm gekleidet: Camel Boots, lange Jeanshose, T- und Sweatshirt. Aber das sollte nicht mein Hauptproblem sein. Dieses naemlich wartete im Inneren des Flughafengebaeudes in Form eines weiblichen Immigration Officer auf mich.

Der resoluten Dame gefiel mein Ansinnen, 90 Tage im Land zu bleiben, nicht. Dass ich keine Adresse, beispielsweise eines Hotels, angeben konnte, trug merklich zur Verschaerfung der Situation bei. Ich erklaerte ihr, dass ich nur herumreisen wolle, meine erste Anlaufstation Keetmanshoop sei, ich aber die konkrete Adresse nicht haette, da ich am Bahnhof abgeholt werde. Sie erwiderte mir, dass sie mich ohne Adresse nicht einreisen liesse, ich nun beiseite treten und mir innerhalb von fuenf Minuten einfallen lassen solle, wohin ich nach meinem “kurzen” Aufenthalt in Keetmanshoop reisen wolle.

Die Situation war traumatisch fuer mich. War der Traum nun schon von Anfang an geplatzt? Kurzum: nach vielen Beteuerungen meinerseits, dass ich wirklich nur Touristin sei und jemanden besuchen moechte, knallte sie mir letztendlich den erloesenden Stempel in den Pass und ich war drin. Die namibischen Behoerden versuchen zu verhindern, dass Praktikanten und Freiwillige, sogenannte Volunteer Workers, ohne Arbeitsvisum ins Land kommen. Dieses Mal traf der AOLsche Werbeslogan so gar nicht zu, denn es war ueberhaupt nicht einfach.

Die Strecke nach Windhuk hinein ueberbrueckt man normalerweise mit einem Shuttle-Bus, wofuer man den stolzen Preis von umgerechnet 15 Euro loehnen muss. Das geht sicher auch guenstiger, dachte ich mir und sprach die inzwischen letzten auf dem Flughafen verweilenden Deutschen an. Ich hatte Glueck: die neunkoepfige Gruppe, allesamt End-Zwanziger, nahm mich in einem ihrer beiden Mietwagen mit nach Windhuk-Mitte. Eigentlich waere ich schon froh gewesen, wenn sie mich nur am Bahnhof abgesetzt haetten. Da wir uns aber so gut verstanden, verbrachte ich den ganzen Tag mit ihnen. Mein Zug in Richtung Keetmanshoop fuhr erst am Abend los und so versorgten wir uns zuerst mit Essbarem und suchten danach einen netten, gruenen Park etwas oberhalb des Zentrums auf.

Ich weiss nicht mehr, warum wir ausgerechnet diesen Fleck ansteuerten, aber es war wahrscheinlich eher kein Zufall, dass er genau zwischen Christuskirche, Reiterdenkmal und den Regierungsgebaeuden lag. Das Reiterdenkmal ist ein Relikt aus der Zeit von Deutsch-Suedwest und war ein Geschenk an den Kaiser im Jahre 1912. Ebenso die evangelische Christuskirche, die 1910 in einem Mix aus Jugendstil, Neoromantik und Gothik erbaut wurde und als ein Wahrzeichen des “weissen” Windhuk gilt. So imposant sie in den Reisefuehrern immer dargestellt wird, ist sie in Wirklichkeit recht klein. Ich finde, dass sie wie eine Spielzeugkirche aussieht.
In eben jenem Park lag ich also im Schatten einer dicken Palme, um mich herum meine neuen Bekannten und ein paar ueberhaupt nicht neugierige Eidechsen, von denen sich eine bis auf den ins Gesicht gezogenen Hut meines Nachbarn vorwagte. Es war wohl gegen 13 Uhr und wir taten es damit der einheimischen schwarzen Bevoelkerung gleich. Wir stiegen auf den allmittaeglichen Energiesparmodus um.

Im Zug lernte ich Dorothea kennen. Sie ist gebuertige Namibierin, ihre Eltern aber wanderten 1900 von Deutschland nach Suedwestafrika aus. In ihrer Sprache kommt noch die alte, “weisse” Ideologie zum Vorschein, die man bei uns Rassismus nennen wuerde. Trotzdem ist es sehr interessant, der alten Dame zuzuhoeren. Ein echtes namibisches Urgestein. Die kurze Schilderung ihres Lebens, die sie mir gibt, spiegeln dieses genauso wieder, wie auch ihr Gesicht, das braungebrannt und von vielen Falten durchzogen ist. Jetzt wohnt Dorothea auf einer Farm suedlich von Keetmanshoop, ihre Kinder in Luederitz. Und wenn ich ihr meine Nummer gaebe, wuerde sie vielleicht einen Besuch bei ihnen arrangieren koennen.

Am Bahnhof in Keetmanshoop empfing uns Pater Rebmann, der auch sofort feststellte, dass sie die Tochter des im Sueden sehr bekannten Farmers Cassi Schroeder ist und er sich freue, sie kennenzulernen. Und dann folgten fuenf Minuten Austausch alter Geschichten.

Zur Zeit wohne ich also hier im pastoralen Zentrum, dem Bischoffssitz. Um eine Parkanlage mit Bougainvilleen und anderen gruenen und bluehenden Baeumen herum stehen einige Bauten, darunter das Wohn- und Arbeitsgebaeude Pater Rebmanns, die katholische Kirche, ein Komplex Gaestezimmer und die Wohnraeume der Pfarrgemeinde, wo auch ich mein Zimmer habe. Pater Rebmann ist derjenige, der sozusagen fuer mich verantwortlich ist. Ansonsten sorgt eine Koechin mit Spitznamen Cookie fuer unser leibliches Wohl. Sie putzt auch und kuemmert sich um die Waesche. Urspruenglich kommt sie aus Aus, suedlich von hier.

Der namibische Sommer dauert von Mitte Dezember bis Mitte Maerz. In dieser Zeit regnet es meist ab dem spaeten Nachmittag immer wieder ein bisschen. Dem total ausgedoerrten Boden im Sueden des Landes tut dies nur gut. Die Leute sehnen den Regen richtig herbei. Umso mehr wundert es mich, wie sich die Gemeinde einen Luxus wie den eines Staedtischen Schwimmbades leisten kann. Birgit, eine Deutsche aus dem Allgaeu, die hier fuer MISEREOR arbeitet, meinte gestern, dass es ein Verlustgeschaeft waere. Die Instandhaltung eines 50 × 25 Meter-Beckens wuerde niemals durch die laecherlichen Eintrittspreise gedeckt.

Tagebucheintrag von Freitag, 18. 3. 2005:

Wenn man hier etwas lernt, dann ist das Geduld. Ich wuerde so viele Dinge hier lieber heute als morgen sehen und erleben. Aber ich muss abwarten. Vieles kommt noch und wenn die Zeit dann da ist, wird mich Pater Rebmann (hoffentlich!) dort mithin nehmen.
So wie heute in den Kindergarten.
Schwester Josepha Aloisia hat mich dort herumgefuehrt. Normalerweise haetten sie ca. 130 Kinder, da die naechste Woche aber holidays sind — wegen des Unabhaengigkeitstages am 21. und wegen Ostern — sind es heute nur 80. Ich muss zugeben, dass ich bei deren Anblick fast dahingechmolzen bin. Die sind ja soo suess! Der ueberwiegende Teil ist wirklich bildhuebsch. Und was gerade ich so interessant finde, sind die verschiedenen Gesichter, aus denen man manchmal die unterschiedliche Herkunft herauslesen kann.

Drei oder vier von ihnen sprechen nur Englisch, das sind dann Kinder kenianischer, simbabwischer oder tanzanischer Eltern. Die anderen sprechen Afrikaans und manche davon auch Nama. Den Grossteil der Kinder haette man waehrend der Apartheid — der Zeit der Rassentrennung, die Gott sei Dank offiziell vorbei ist — als Coloureds = Farbige deklariert. Heute sind sie nicht mehr zu hundert Prozent den Nama oder sonstigen ethnischen Gruppen zuzuordnen. Manche sind erstaunlich hell, so hell, dass ich sie problemlos fuer Weisse gehalten haette.

Im Laufe des Morgens bekam ich meinen ersten Afrikaans-Unterricht von den Kindergartenkindern. Ich kann schon bis zehn zaehlen und einfache Saetze nachplappern. Da das Afrikaans dem Hollaendischen so aehnlich is, kann ich mir so manche Dinge einfach gut merken. Oft denke ich, dass das irgendein deutscher Dialekt sein koennte. Jetzt habe ich also eine Woche Zeit, mein Afrikaans zu vertiefen. …

Schokolade als Mitbringsel nach Namibia zu bringen, ist einfach ein Fehler. Bei 30 Grad im Schatten verlaeuft einfach alles. Und weil der Ort hier ca. Auf 1000 Metern ue. M. Liegt, scheint die Sonne intensiv. Draussen im Hof bluehen Bougainvilleen in Weiss und violettem Pink. Wenn die Kirche nicht nebendran stuende, kaeme mir der Bischoffssitz wie eine Ferienanlage vor. Eine kleine, gepflegte Parkanlage.

Kurz vor halb sieben Abends: bin wieder zurueck von meinem Spaziergang. Ich war heute zum ersten mal alleine draussen. Eigentlich wollte ich ins Internet-Cafe und in den Spar, um mir Mineralwasser zu kaufen. Das Leitungswasser schmeckt irgendwie nach Schwimmbad, nur ohne Chlor.

Fuenfzehn namibische Dollar pro halbe Stunde Internet ist schon unverschaemt teuer. Das ist ja mehr als in Deutschland. (Anmerk.: 1 namib. Dollar = 15 Euro-Cent) Bin also weitergelaufen zum Spar. Ich war zwar nicht die einzige Weisse, aber die Einzige, die so bleich war wie Elfenbein. Also sehe ich nicht aus wie eine Namibierin. Mist! Das klappt irgendwie nie mit dem Nichtauffallen. Aber es war nicht so wie in Peru, wo alle Maenner die totalen Supermachos sind. Nee, hier hab ich hoechstens ein paar “hello” gehoert, was Keetmanshoop schonmal symphatisch macht.

Am Samstag fuhren wir zu der pfarrgemeindeeigenen, aber hoechst unrentablen Farm Tschaunaup. Auf 10.000 Hektar gibt es ausser bei den beiden Huetten der Hirten und der Missionsstation nur wenig Schatten. Trotz der Wolken hatten wir an die 30 Grad. Die Hirten, das sind einmal die Eltern und die Grossmutter eines kleinen Maedchens namens Gunna, das wir an diesem Tag mit zur Farm nahmen, und einmal ein alleinstehender Mann um die 40. Alle gehoeren sie zur ethnischen Gruppe der Nama. Als Schaf- und Ziegenhirten bekommen sie von der katholischen Kirche ein eher kleines Gehalt, um das sie viele Leute dennoch beneiden wuerden. Pfarrer Klaus, der hier als Administrator arbeitet, und Birgit gaben mir an diesem Tag einige Einblicke ueber die Nama. Es herrsche ein gewisses System von Geben und Nehmen, was leider oft ein wenig einseitig interpretiert werde. Einige Beispiele?

Die kleine Gunna lebt waehrend der Schulzeit bei Bekannten in Keetmanshoop. Wenn sich Pfarrer Klaus grosszuegig gibt oder sich die Familie in Not befindet, stellt er seine Hilfe in Form von Essbarem oder einer kleinen Finanzspritze zur Verfuegung. Er macht dies freiwillig.
Den Zettel der Schule, den Gunna ihren Eltern mitbrachte, auf dem stand, dass die Schulgebuehren faellig werden, hielt ihr Vater daraufhin empoert Pfarrer Klaus entgegen: “Warum haben Sie die Schulgebuehren noch nicht bezahlt?”.
An diesem Tag war seine Laune besonders schlecht. Da Tschaunaup ca. eineinhalb Fahrstunden von Keetmanshoop entfernt liegt, ist die Familie darauf angewiesen, dass man ihr einmal pro Woche Nahrung, sonstige Dinge des taeglichen Lebens, sowie Sonderwuensche frei Huette liefert. Dies wird aufgeschrieben und ihnen am Ende des Monats vom Gehalt abgezogen. Birgit hatte zwar den Tabakbeutel dabei, das Telefonbuch aber hatte sie vergessen. Dessen Blaetter waeren zum Drehen gewesen. Schlechte Laune war also vorprogrammiert.

Tabak ist der Schluessel zu allem. Wenn man etwas von den Menschen hier moechte, sollte man Tabak mitbringen. Zu alledem wollten wir auch noch drei Schafe geschlachtet bekommen. Osterlaemmer. Arbeit? Und das am hellichten Tage! Jetzt war die Laune des Hirten wirklich an ihrem Tiefpunkt.

Waehrend er das blutige Handwerk erledigte, machten wir uns auf den Weg zu der Missionsstation im Inneren der Farm. In den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts erbaut, vermachte sie der deutsche Farmer nach seinem Tod ca. 1944 der Katholischen Kirche. Zu Beginn wohnten Schwestern dort, die den Kindern der Hirten in der Missionsschule Unterricht gaben. Seit mehreren Jahrzehnten aber ist die Mission dort verlassen und wird in unregelmaessigen Abstaenden von der Pfarrgemeinde instand gehalten, verfaellt aber trotzdem mit der Zeit.
In einem Sonnenofen liessen wir einen Rosinen-Hefekuchen backen. Danach gab es fuer die anderen Kudusteaks und fuer alle Spinat und Sojageschnetzeltes. Zufaellig fanden wir in einem der Raeume etwas Zeitungspapier, mit dem wir auf dem Rueckweg den Hirten begluecken konnten. Die inzwischen ausgenommenen Schafe wurden zerteilt, ein kleiner Teil davon dem Schaefer zu Ostern ueberlassen. Jetzt war der Tag fuer ihn gerettet.

So, viele Gruesse aus Keetmanshoop an alle von mir.

Carolin

PS: Und fuer alle, denen der Betreff nichts sagt: The Namibian ist eine namibische Zeitung.

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