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The Namibian (5) — Erinnerungen aus Namibia

Posted in praktikum  by carolin on April 19th, 2009

Hallo und kalte Wintergruesse,

Der April macht ja bekanntlich was er will und so ist das auch auf der Suedhalbkugel. Wolkenlose, warme Tage wechseln sich mit halb verregneten, kuehleren ab. Und alle sprechen vom Winter.


So lange ich aber in Shorts und T-Shirt nach draussen gehen kann, ist jener fuer mich noch sehr weit entfernt.Heute war es zum ersten Mal etwas kuehler, das Thermometer kletterte nicht weit ueber zwanzig Grad und ein boeiger Wind blaest mir seit heute Morgen die Haare strubbelig. Ansonsten war es aber ein Tag wie viele andere auch.

Mein Wecker klingelte um zwanzig vor sieben, hatte aber wie immer keine Chance gegen mich, da ich jeden Morgen vor ihm wach bin. Ungefaehr zur gleichen Zeit hoerte ich das Tor quietschen. Es war Cooky, unsere Koechin und Haushaelterin, die kurz darauf anfing, im Nachbarzimmer mit Tassen und Tellern zu hantieren, um den Fruehstueckstisch zu decken.

Gegen halb acht fanden sich langsam Miss Cathline und Pater Rebmann ein, letzterer nuschelte sein Tischgebet fuer alle und dann machten wir uns ueber Kaffee und Miliepap her, eine Art Maisgriessbrei, das namibische Nationalgericht. Nach dem Fruehstueck fuhr ich mit meinem roten Fahrrad die Hauptstrasse in Richtung Kindergarten entlang. An der Apotheke vorbei, dem Sportschuhlaedchen, dem Fischgeschaeft, einigen Boutiquen, Versicherungen und dem SPAR, bog ich schliesslich in das Tor meiner Praktikumsstaette ein. Davor stehen in einer Reihe fuenf riesige Dattelpalmen, deren Wedel heute im Wind rauschten.

Es war ein schoenes Bild, wie sie sich vond er tiefstehenden Sonne beschienen vom azurblauen Himmel abhoben. Ich blieb ein wenig davor stehen und betrachtete sie. Mit Mut fuer den neuen Tag zuredend betrat ich schliesslich das Gebaeude. In ihrem Buero sass Schwester Josepha-Aloysia, der ich im Voruebergehen mein “Good Morning” zurief, die anderen Frauen, Elize Pofadder, Mousi Bezuidenhoudt, Irmgard Galandt und Silvia Bezuidenhoudt, begruesste ich auf Afrikaans. Nach der ueblichen, allmorgendlichen halben Gebets- und Singstunde stellten sich die Kinder nach Gruppen getrennt in Zweierreihen auf — Maedchen vorne, Jungen hinten –, wurden gezaehlt und danach in ihre Klassenzimmer geschickt.

Eigentlich laufen die Tage im AVIAT-Kindergarten alle gleich ab: spielen/lernen, beten, essen, Spielplatz, essen, spielen/lernen, essen, warten auf das Abgeholt-Werden. Waehrend des ganzen Morgens sind die gewohnten Befehle zu hoeren (“Jonathan, komm da runter!”, “Moravia und Aloise, lasst das!”), nur ab und zu einmal unterbrochen von kleinen Pipi-Pannen, Traenen bei den Juengsten (“Runyararo hit me!”, schluchz) und auch von den netten Storys, die uns der kleine, blonde Kalli gerne erzaehlt und damit, ausser mir, saemtlichen Erzieherinnen auf die Nerven faellt.

Wir gingen also auch heute nach draussen auf den Spielplatz. Seit einigen Tagen habe ich einen kleinen Jungen besonders ins Herz geschlossen. Alistor, vier Jahre alt, ist mein persoenlicher Liebling seit mir seine frappierende Aehnlichkeit mit meiner Cousine Maya, ebenfalls vier, aufgefallen ist. Er koennte glatt ihr Bruder sein. Manchmal schaut er gedankenverloren in die Luft, ist im naechsten Moment aber wieder im Hier und Jetzt und beschaeftigt sich weiter mit seinem Spiel.

Jedenfalls stimmen Mimik und Verhalten bei den beiden so stark ueberein, dass ich oft genug an mich halten muss, um ihn nicht zu knuddeln. Er ist einfach ein ganz suesser Knopf.

Auch heute schaute ich wieder besonders nach ihm, schliesslich steht er unter meinem persoenlichen Schutz. Keiner darf ihm ungestraft weh tun. Deshalb traf mich wohl auch die Szene, die sich kurz vor dem Essen abspielte, so hart: Ich kam gerade zur Kuechentuer heraus, schritt an den beiden Seiten der Terrasse sitzenden Kindern vorbei — und hoerte ploetzlich ein lautes Schluchzen. Alistor sass da, traenenueberstroemt und wurde von Andrea, seiner kleinen Nachbarin in den Armen gehalten. Ich fragte ihn, was denn passiert sei, waehrend ich ihm ueber seine blonden Locken streichelte. Es stellte sich heraus, dass Andrea ihn in die Wange gekniffen hatte und zwar so stark, dass diese knallrot war und man noch Minuten spaeter die Abdruecke der Fingernaegel darauf sehen konnte. Sich war sich ihrer Schuld wohl bewusst, denn wie um es wieder gutzumachen, legte sie zum Trost den Arm um ihn herum.

Ich war trotzdem wuetend und schimpfte ordentlich mit ihr, dann aber streichelte und pustete ich Alistors Wange in guter, alter “Heile-heile-Gaenschen-Manier” bis er aufgehoert hatte zu weinen.

Das einzig aussergewoehnliche, was dann noch geschah, war, dass ich den aelteren Kindern der Hasengruppe ein Buechlein ueber zwei kleine Katzen vorlas. Auf Englisch wohlbemerkt. Ich weiss wirklich nicht, ob aus Respekt oder Interesse, aber obwohl sie mit Sicherheit kaum ein Wort verstanden hatten, hoerten sie mir zu. Miss Bezuidenhoudt und ich, wir uebersetzten in Afrikaans und fragten spielerisch ein paar Vokabeln ab, damit die Kinder schon vor der Schule ein wenig den Umgang mit der namibischen Nationalsprache erlernen.

So, das war es wieder fuer heute. Bleibt mir nur noch zu sagen “totsiens!” (…).

Bis bald und tausend Gruesse

Carolin

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